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I HAVE A DREAM

Außenalster, 6h30. Joggen und schaukeln steht heute auf meiner Morgenagenda. Mit Musik auf den Ohren. Mein derzeitiges Lieblingsstück, das in Dauerschleife in mein Ohr wummert, heißt “I have a dream”. Die bewegenden Worte von Martin Luther King wurden in die Deep House-Beats des niederländischen DJs Bakermat virtuos eingeflochten. Megakraftvoll und inspirierend. Dieser Moment auf der Schaukel mit Blick auf Alster und Morgenröte ist ein Magischer! Das Leben umarmt mich. Alles ist möglich. In diesem Augenblick sehe ich nur das Gute. In allem und in Allen. Und bin voller Demut für den Reichtum um mich herum.

Dabei sah die Welt gestern noch ganz anders aus: ein Tag des Selbstzweifels. Ein dunkler Himmel voller Wolken. Schaffe ich das, was ich mir in diesem Leben vorgenommen habe? Bin ich gut genug? Eigentlich sind die anderen viel besser, klüger, schöner und eloquenter. Macht das Ganze überhaupt Sinn? Warum suche ich mir nicht einfach einen festen Job? Ach ja, richtig, mich nimmt ja keiner mehr in meinem Alter. Und dann dieser körperliche Verfall ab 50. Grauenhaft.

Willkommen in der Manege der Mangel-Denke.
Wo ist der Rückwärtsgang, bitte?

Wenn wir in dieser destruktiven Schleife bleiben, gehts nur in eine Richtung, nämlich in den Abgrund. Im schlimmsten Fall machen wir unsere Vergangenheit für unser Leid verantwortlich: Meine erste Liebe ist schuld, dass ich immer noch an mir selbst zweifle. Mein Vater ist schuld, dass ich meiner Großmutter, Pianistin und Opernsängerin, nicht gefolgt bin und Musik studiert habe. Mein Ex-Mann ist schuld, dass ich kinderlos bin … Mit dieser Opferhaltung geben wir die Macht aus unseren Händen, bleiben in der Vergangenheit kleben und sind nicht frei. Es ist eine bewusste Entscheidung, aus der selbst kreierten Geisterbahn auszusteigen. Denn wir selbst entscheiden Runde um Runde sitzen zu bleiben. 

Wie würde die Welt aussehen, wenn wir uns so akzeptieren, wie wir sind? Wenn wir unsere Individualität, unsere Schönheiten sowie unsere Makel gleichermaßen annehmen könnten und damit voll in unserer Kraft ankommen? Wenn wir nicht mehr argwöhnisch und neidvoll auf andere schauen?

Die Holocaust-Überlebende Dr. Edith Eger schreibt: “Wir können die Dunkelheit nicht auslöschen. Aber wir können uns entscheiden, das Licht zu entzünden.”

Heute ist es mir gelungen.
Let’s all have a dream.