Frauen in verschiedenen Positionen (sitzend und stehend) befinden sich mit dem Gesicht zur Klagemauer in Jerusalem, Israel.

ZWISCHEN WELTEN.

Seit drei Tagen bin ich nun in Tel Aviv und es fühlt sich an, als sei ich nie weg gewesen. Ich lande um vier Uhr morgens. Die erste Aufgabe an mich selbst: Taxifahrt organisieren, ohne über den Tisch gezogen zu werden. Die Schlange am Taxistand ist ellenlang. Ich rolle mit meinem Koffer an den Wartenden vorbei und frage, ob jemand nach Tel Aviv reinfährt und Lust hat auf Car-Sharing. Ein junges Pärchen aus der Tech-Branche, frisch zurück vom Coldplay-Konzert in London, ist interessiert. Während der knapp 30-minütigen Fahrt schnacken wir über alles Mögliche. Auch über Religion. Es stellt sich heraus, dass die beiden religiös leben – die jüdischen Feiertags- sowie die Speisegesetze “Kashrut” befolgen. Mich fasziniert das. Denn die religiösen Strömungen sind in Israel mannigfaltig und bewegen sich zwischen ultra-orthodox, orthodox, modern-orthodox, konservativ, traditionell und säkular.

Israel ist für mich ein Ort des Entdeckens, Lauschens und Lernens. Auch auf dieser Reise nehme ich mir vor, mehr über jüdisches Leben zu erfahren. Am Shabbat-Morgen gehe ich in die Synagoge und lerne eine amerikanische Rechtsanwältin kennen, die zwischen Los Angeles, Houston und Tel Aviv pendelt. Sie ist – wie wir sagen würden – „bibelfest“. Das Gebetbuch, den Siddur, kennt sie wie ihre eigene Westentasche. Kein Wunder. Denn sie erzählt mir später, dass ihr Vater Rabbiner war, sie über mehrere Jahre ihren Glauben an den Nagel gehängt hat und dann, als ihr erstes Kind zur Welt kam, zurückfand zur Religion.

Im Anschluss an meinen Synagogenbesuch bin ich zum Schabbat Lunch eingeladen. Kontakt und Einladung kommen über Social Media zustande. Die Runde, bestehend aus drei Paaren und sieben Kindern, kennt sich gut. Alles eingewanderte Israelis aus UK und den USA. Und ich mittendrin. Die Herzlichkeit ist frappierend und die Speisen liebevoll zubereitet. Bevor wir essen, folgen wir dem klassischen Shabbat-Brauch: rituelles Händewaschen, Schweigen, bis das Brot gesegnet und gebrochen wird sowie gemeinsamer Segen “Bracha” nach dem Essen. Ich lieb’s und lerne. Denn es geht um das bewusste Praktizieren von Dankbarkeit – für das, was das Leben bereits an Kostbarkeiten bereit hält.

Rabbiner Jonathan Sacks hat in einem seiner Bücher geschrieben: “Jewish Spirituality is the Art of Listening”. Und genau hier liegt der Zauber für mich inne. Ich muss nicht wissen. Ich darf einfach zuhören.

Danke und Shabbat Shalom.

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