POST-ISRAEL-SYNDROM.

Vor ein paar Tagen habe ich meine Tel Aviv-September-Räuberleiter versehentlich ein zweites Mal an meine Abonnent:innen verschickt. Boah, was war ich stinkig. Vor allem auf mich selbst. Ich kann mich vom Handling her mit meinem neuen Newsletter-Tool, das jetzt immerhin DSGVO-konform ist, einfach nicht anfreunden. Übrigens ebenso wenig wie mit der Tatsache, dass ich wieder in Deutschland bin. Wenn es so etwas wie ein Post-Israel-Syndrom gibt, dann bin ich daran erkrankt. Seit 3 Wochen bin ich zurück, aber immer noch nicht angekommen. Und obwohl Hamburg mich mit milden Temperaturen und Sonnenschein empfängt, bin ich gereizt und finde vieles richtig doof. 

Was genau ist es, was mich Israel, insbesondere Tel Aviv so lieben lässt? Nach einer Analyse des britischen ECONOMIST ist Tel Aviv inzwischen die teuerste Stadt der Welt. Ein Gin Tonic kostet gern mal 30€. Der Ausstattungsstandard der Wohnungen ist auf Ostblock-Niveau: Kabel hängen von der Decke, Boiler tropfen vor sich hin, Hausflurfenster sind zerdeppert. Und die Miete einer Wohnung in vergleichbarer Größe und Lage zu meiner, die by the way auch kein Schnäppchen ist, kostet mehr als das Doppelte. Und dann dieser extreme Großstadtlärm…. Grauenhaft! Also woher kommt diese Sehnsucht?

Offensichtlich gehe ich mit der Lebensenergie der Israelis in Resonanz, die trotz permanenter Bedrohung lebensbejahend ist. Denn in jeder Shopping-Mall, in jedem Museum und an jedem Bahnhof steht Sicherheitspersonal, das deine Tasche scannt und dich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt: Die Allgegenwart des Terrors. Und dennoch leben die Israelis ihr Leben leidenschaftlich, mit viel Herz und voller Hingabe. Und laden fremde Menschen wie mich in ihren Inner Circle zum jüdischen Neujahrsfest ein. 

Ich erinnere mich an einen Moment, als ich 1999 nach Hamburg zog. Ich arbeitete bei einer Werbefilmproduktion und man stand allmorgendlich beim Kaffee um den Tresen herum und quatschte. Eine Kollegin schmiss eine Party und ein Großteil der Belegschaft war eingeladen. Ich war es nicht. Das habe ich als herzlos empfunden. Vielleicht ist es das, was Israel mich spüren lässt: Ich bin mit ganzem Herzen Willkommen.

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